Was haben diese Situationen gemeinsam?
- In meiner Schulzeit war diese Praxis alltäglich: Jede Stunde wurde ein Schüler aufgerufen, musste vor die Klasse treten und wurde dann vom Lehrer zur letzten Stunde ausgefragt.
- Ich weiß nicht, wie viele Vorträge ich bereits gehalten habe. Was ich aber weiß: Es kostet mich jedes Mal aufs Neue Überwindung, auf die Bühne vor die Zuhörer zu treten.
- In Schulungen wurde ich schon mehrfach vom Trainer aufgefordert, mich meinem Sitznachbarn vorzustellen, was ich gerne tue. Allerdings ändert sich das schlagartig, wenn der Trainer dann darum bittet, dass ich meinen Sitznachbarn vor der ganzen Gruppe vorstelle.
Wahrscheinlich hast du die Gemeinsamkeit bereits erkannt:
Ich fühlte mich in diesen Situationen unsicher.
Wie geht es dir in solchen Situationen?
Fühlst du dich auch unwohl, dann sind wir nicht alleine. Viele Teilnehmer meiner Schulungen und Workshops berichten mir, wie angenehm sie den Start meiner Trainings empfinden.
Dabei verzichte ich immer auf:
- Vorstellungsrunden, in denen alle Teilnehmer des Trainings im Kreis sitzen und sich nacheinander vorstellen.
- die Vorstellung des Trainers, der zu Beginn seine Vita und seine Erfolge lang und breit erklärt, während die Teilnehmer in Reihen sitzen und ihm zuhören.
- eine detaillierte Vorstellung der Agenda, bei der der Trainer kleinteilig alle Punkte und weiteren Modalitäten der Schulung erläutert.
Ich habe den Eindruck, dass diese Dinge schnell zu Unwohlsein bei den Teilnehmern führen. Es erinnert mich immer ans Ausfragen in der Schule. Bevor ich dir verrate, wie ich Trainings stattdessen beginne, lass uns noch diese Frage beantworten:
Warum fühlen wir uns bei Vorstellungsrunden schnell unwohl?
Ich glaube, es ist ganz einfach.
Vorstellungsrunden führen dazu, dass alle Augen auf uns gerichtet sind. Werden wir angeschaut, signalisiert das unserem Gehirn Gefahr. Glaubst du mir nicht? Dann erinnere dich daran, wie du dich fühlst, wenn dich jemand anstarrt. Natürlich werden wir bei unserer Vorstellung nicht unbedingt angestarrt, aber etwas unbehaglich fühlen wir uns dennoch. Das Gehirn wittert eine unsichere Situation. Glaubt unser Gehirn, dass etwas Gefährliches passieren könnte, versetzt es uns in Alarmbereitschaft. Es schüttet Stresshormone aus. Droht uns wirklich Gefahr, ist das bitter nötig. Die Hormone würden uns helfen, schneller zu laufen oder besser zu kämpfen. Allerdings hemmen Hormone wie Adrenalin und Cortisol unsere Fähigkeit, neue Informationen aufzunehmen und zu speichern. Speziell Cortisol kann die Funktion des Hippocampus stark einschränken. Du erkennst den Stress daran, dass dir warm wird, dein Blutdruck steigt und dein Nacken verspannt.
Zusammengefasst:
Wenn wir uns unsicher fühlen, ist Lernen nicht mehr möglich.
Deshalb sollten wir als Trainer unter allen Umständen verhindern, dass sich die Teilnehmer unserer Schulungen unsicher fühlen.
Wie können wir dafür sorgen, dass sich die Teilnehmer unserer Schulungen sicher fühlen?
Ich achte dabei auf drei Dinge:
- Bewegung, Bewegung und nochmals Bewegung. Warum? Ganz einfach: Bewegung sorgt dafür, dass Stresshormone – sollten sie entstanden sein – abgebaut werden.
- An Vorwissen anknüpfen: Stress wird nicht nur physisch, also durch die Augen, die uns anstarren, ausgelöst, sondern auch dadurch, dass wir mit Fragen konfrontiert werden, die wir nicht beantworten können. Wir haben Angst, etwas Falsches zu sagen und uns zu blamieren.
- Erstmal nur mit einer Person sprechen: In einer Schulung werden wir nie allein sein, aber müssen wir uns gleich allen Teilnehmern auf einmal stellen? Nein. Starten wir deshalb das erste Gespräch nur mit einer Person.
Okay, Simon, aber wie kann das konkret umgesetzt werden?
Dazu kommen wir jetzt. Ich stelle dir drei bewährte Methoden vor, die ich in meinen Schulungen und Trainings nutze. Verwende sie gern, wenn auch du Vorstellungsrunden vermeiden willst.
Methode #1: Impromptu-Networking
Ein Gefühl von Sicherheit bei fremden Personen zu erzeugen ist nicht einfach. Ein geeignetes Vorgehen hierfür ist das Impromptu-Networking, das etwas an Speeddating erinnert. In Schulungen ermöglicht es, das Eis zwischen den Teilnehmern zu brechen und trotzdem einen geschützten Rahmen beizubehalten.
Hier die Schritte von Impromptu-Networking:
- Sprich eine Einladung an die Gruppe aus. Ich nutze hierfür die Frage: „Was hat dich in diese Schulung geführt und was möchtest du mitnehmen?“ Die Einladung bleibt in allen drei Runden dieselbe.
- Austausch in Paaren: Die Teilnehmer der Gruppe bilden Paare und tauschen sich zur Frage aus. Dafür haben die Paare etwa 4 – 5 Minuten Zeit. Das ist Runde eins.
- Insgesamt werden drei Runden durchgeführt. Nach jeder Runde bilden die Teilnehmer der Schulung neue Paare und diskutieren die Frage erneut.
Spontanes Netzwerken kann sich auf die Sitznachbarn am Tisch beschränken. Wenn du dafür sorgen willst, dass wirklich alle Teilnehmer aufstehen und sich bewegen, dann nutze die nächste Methode.
Methode #2: Introduction-Carousel
Hier die Schritte von Introduction-Carousel:
- Lade die Teilnehmer ein, Paare zu bilden.
- Gib den Paaren Zeit, durch den Raum zu gehen und sich über die Fragen zu unterhalten und die Antwort auf Klebezettel zu formulieren. Bei 4 Fragen benötigt dieser Schritt etwa 10 Minuten.
- Zum Abschluss gehst du mit der ganzen Gruppe durch den Raum und ihr besprecht gemeinsam die Antworten.
Im letzten Schritt ist es nicht nötig, alle Antworten zu besprechen. Die meisten Notizen haben die Teilnehmer bereits selbst gelesen. Ich bespreche nur die Antworten, die wichtig sind, um die Erwartungen an den Tag zu klären. Etwa, wie wir als Gruppe an diesem Tag zusammenarbeiten wollen, damit sich jeder wohlfühlt und motiviert ist, sich auf Neues einzulassen.
Hier einige Fragen als Beispiel, die ich im „Professional Scrum Master – Advanced“-Training nutze:
- Mein Lieblingslied ist ...
- Meine Erfahrung mit Scrum (auf einer Skala von 1 bis 10) lautet ...
- Ich werde anderen helfen, das Beste aus diesem Training herauszuholen, indem ich ...
- Eine Frage, die ich in diese Schulung mitbringe, lautet ...
Zum Abschluss noch ein Beispiel, wie ich statt mit einer Vorstellungsrunde mein „Training from the Back of the Room“-Training beginne.
Methode #3: „Fast Pass“
Welcher Trainer kennt das nicht?
Die Teilnehmer der Schulung betreten den Raum, suchen sich einen Platz, holen ihr Smartphone oder ihren Computer heraus und beantworten E-Mails. Wie können wir diese Zeit des Trainings für die Schulung nutzen?
Wir suchen also einen Schnelleinstieg in die Schulung. Und wie es der Name der Methode vermuten lässt, können wir einen „Fast Pass“ dafür nutzen.
Hier die Schritte des „Fast Pass“ im Detail:
- Präsentiere eine relevante Frage zum Inhalt des Trainings, noch bevor die Schulung wirklich begonnen hat. Etwa als erste Folie deiner Präsentation oder auf einem Flipchart.
- Wenn die Teilnehmer den Raum betreten, lade sie ein, sich einen Platz zu suchen und einen Blick auf die Frage zu werfen.
- Wenn die Teilnehmer nicht eigenständig ins Diskutieren kommen, erinnere sie daran, sich zu ihrem Sitznachbarn zu drehen und diese Frage zu besprechen.
Als Fragen nutze ich dieselben wie bei Impromptu-Networking oder eine Frage, die das Vorwissen der Teilnehmer aufgreift.
- „Was hat dich in diese Schulung geführt und was möchtest du mitnehmen?“
- „Was weißt du bereits über XYZ? Tausche dich mit deinem Nachbarn dazu aus.“
Wenn du meine Tipps nutzt, kannst du die erste Viertelstunde deiner Schulung gleich interaktiv gestalten. Damit schaffst du ein Umfeld, in dem Lernen und Austausch an erster Stelle stehen und sich jeder sicher fühlt.
Planst du gerade einen Workshop oder eine Schulung und suchst nach weiteren Hilfestellung?
Dann habe ich etwas für dich:
In meinem kostenlosen E-Mail-Kurs „Crash-Kurs für Trainer" lernst du in fünf Lektionen, wie du die 5 häufigen Fehler in Schulungen vermeiden kannst und stattdessen Austausch und Beteiligung förderst, damit die Teilnehmer lange von deiner Schulung schwärmen.
Hier geht es zum Kurs.